Gehen beim Zuhören die Ohren auf? Oder eher zu?
Wie oft hast du schon gesagt: „Hör mir doch mal zu!“ oder „Du hörst mir nie zu!“ oder „hättest du mir zugehört, dann ..!“
Also ich schon öfter. Und auch zu mir wurden solche Sätze schon öfter gesagt.
Warum fällt es uns so schwer zuzuhören, und was genau bedeutet das – zuhören.
Wenn ich das Wort ansehe fällt mir sofort die Silbe „zu“ auf. Sie bedeutet – schließen, dicht machen, zumachen, verbergen, wegsperren etc.
Also das Gegenteil von dem, was zuhören für uns bedeutet. Und dennoch benutzen wir es, ohne darüber nachzusinnen.
Spüre mal in dich hinein, wie dein Körper reagiert, wenn ich sage:
„Hör zu wie der Vogel singt“
Oder
„Lausche dem Vogelgesang“
Merkst du den Unterschied? Beim Wort „lauschen“ reagiert mein Körper sofort, er sucht die Quelle, der er lauschen kann/soll. Es impliziert bereits die Hinwendung an eine Geräuschquelle, in diesem Fall, der Gesang eines Vogels.
Natürlich würde ich meinem Gegenüber nicht sagen: „Nun lausche, was ich dir sagen möchte.“ 😊
Also was möchte ich wirklich? Ich möchte, dass er/sie mir Aufmerksamkeit schenkt, mir sein „Gehör“ schenkt. Damit ich sagen kann, was mir gerade wichtig ist und mein Gegenüber es aufnimmt.
Es ist also eher ein „hinhören“ als ein „zuhören“.
Ein guter Einstieg in ein wichtiges Gespräch wäre z. Bsp. „Ich möchte gerne deine Aufmerksamkeit, damit du das, was ich sage, verstehen kannst.“ Ist zwar ein längerer Satz, aber besser als „Hör mir mal zu.“ Denn am Ende steht die Silbe „zu“. Und wie reagiert das System beim Wort „zu“?
Wir haben verlernt, konkret und genau zu kommunizieren. Im Lauf der letzten Jahre wurden „Sätze“ immer kürzer und knapper. Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Missverständnisse und daraus Streit, Ärger und Frust entstanden sind. Das müsste nicht sein.
Entsinnen wir uns doch unseres Werkzeuges der Sprache, sie ist so facettenreich, vielfältig und wunderschön.
Es gibt noch weitere Gründe, warum uns „hinhören“ (wie ich es künftig nennen möchte) so schwerfällt.
Unser Kopf ist voll.
Voll mit Gedanken, Bildern, Erlebtem, Gehörten, Gesehenen, Pläne, Erinnerungen. Wir sind oft wandelnde, volle Plattformen. Denn alles was wir hören und sehen, muss verarbeitet werden. Dazu kommt natürlich auch die Planung des Tages, da gibt es immer was zu erledigen, ob gleich oder später oder irgendwann.
Wenn dann jemand kommt und unser Gehör möchte, müssen wir unsere Aufmerksamkeit vom vollen Kopf auf unseren Gegenüber richten. Und je voller der Kopf, je schwerer fällt es uns. Vor allem, wenn wir selbst in Denk- und Findungsprozessen stecken.
Oft werden wir dann ungeduldig, hören erst gar nicht richtig hin, oder, was teils noch schlimmer ist, wir unterbrechen, sobald wir glauben, auf was der Andere Hinaus will. Und geben dann gleich entsprechende Antworten, Tipps, Ratschläge etc., um – vlt. um schnell das Gespräch zu beenden, da es uns nicht interessiert oder um uns weiter um unsere volle Plattform kümmern zu können. Je mehr ich darüber nachdenke, je trauriger stimmt es mich.
Ist mein Gegenüber nicht wichtig? Möchte ich selbst nicht auch, dass jemand hinhört, wenn ich etwas sage?
Meine Tochter war mir vor einigen Jahren in dieser Beziehung eine gute Lehrerin. Ich war oft mit mir beschäftigt und hatte immer viel zu tun. Wenn sie mir etwas erzählte, habe ich sie oft unterbrochen und ohne gefragt zu werden, meinen Senf dazu gegeben. Bis – ja bis sie eines Tages verärgert sagte: „Hör mir doch zu, ich will keine Ratschläge, ich will es erzählen, loswerden. Wenn du so weiter machst, erzähl ich dir gar nichts mehr!“
PENG !! Das hatte gesessen. Erst mal war ich beleidigt, wollte ich ja nur das Beste. Ich merkte aber, dass sie es ernst meint und habe mir alles genauer angesehen. Mir war nicht klar gewesen, dass sie erwachsen wurde und ihre eigenen Erfahrungen machen muss (Mamatier lässt grüßen 😊) Dass es nicht darum ging, ihr Ratschläge oder vermeintliche Weisheiten zu vermitteln. Sonst hätte sie mich ja gezielt gefragt. Es ging darum hinzuhören. Sie brauchte jemand, dem sie vertrauen konnte, wollte einfach nur reden. Und ich begriff, dass wir das was für uns selbst wichtig ist, am ehesten erkennen, wenn wir in Ruhe alles erzählen können, ohne unterbrochen zu werden. Je länger wir reden, je eher tauchen aus den Tiefen Erkenntnisse auf, die uns weiterbringen.
Also wenn du das nächste Mal hinhören sollst, dann versuche es mit deiner ganzen Aufmerksamkeit. So wie du es für dich auch möchtest.
Es gibt Wege herauszufinden, warum es dir vlt. so schwer fällt, hinzuhören oder warum andere dir nicht die nötige, bzw. die gewünschte Aufmerksamkeit schenken.
Wenn du das möchtest, wirst du Wege und Möglichkeiten dazu finden.
Ich wünsche dir von Herzen, dass du Gehör findest, wenn du es brauchst und ebenso Gehör schenken kannst, wenn es benötigt wird. Es kann sehr heilsam sein.